Hervey de Saint-Denys (1822–1892) war ein französischer Gelehrter, der als Schriftsteller, Sinologe und vor allem als früher Traumforscher hervorgetreten ist. Bekannt wurde er durch seine bahnbrechenden privaten Studien über Träume, insbesondere Klarträume, also Träume, in denen man sich des Träumens bewusst wird. Bereits als 13-Jähriger begann er, ein Traumtagebuch zu führen, um seine nächtlichen Erlebnisse festzuhalten. Mit der Zeit entwickelte er die seltene Fähigkeit, seine Träume bewusst zu steuern und regelmäßig luzide zu träumen. Seine Erfahrungen und Erkenntnisse veröffentlichte er 1867 – zunächst anonym – in dem Buch „Les Rêves et les moyens de les diriger. Observations pratiques” (deutsch etwa: „Die Träume und die Mittel, sie zu lenken. Praktische Beobachtungen”). Darin legte er verschiedene Methoden vor, wie man Träume beeinflussen und verstehen kann.
Saint-Denys gilt heute als Pionier der Klartraumforschung, dessen Werk von modernen Traumforschern wie Stephen LaBerge und Paul Tholey rezipiert wurde. Sogar Sigmund Freud nahm in seiner Traumdeutung (1900) auf Saint-Denys Bezug, als es um das Zusammenspiel von Traumbild und dem Ich des Träumers ging – ein Prozess, den Freud später „sekundäre Bearbeitung” nannte. Doch wer war dieser Mann genau, wie beurteilte er die Welt der Träume, und welche Methoden und Deutungen entwickelte er im 19. Jahrhundert?
Leben und Werk
Hervey de Saint-Denys stammte aus einer französischen Adelsfamilie und wurde am 6. Mai 1822 in Paris geboren. Neben seiner Leidenschaft für Träume machte er sich einen Namen als Sinologe: Er war Professor für Chinesisch am Collège de France und übersetzte chinesische Dichtungen (etwa von Li Tai-Po) ins Französische. Seine Übersetzungen fanden sogar Eingang in Werke der westlichen Kultur – so basieren Teile von Gustav Mahlers „Lied von der Erde” auf Übertragungen Saint-Denys’ aus dem Chinesischen. Trotz dieser akademischen Laufbahn blieb sein Interesse an Träumen stets präsent. Schon als Jugendlicher begann er, systematisch seine Träume aufzuzeichnen, was damals ungewöhnlich und visionär war. Im Laufe der Jahre füllte er laut Berichten bis zu 25 Notizbücher mit detaillierten Traumaufzeichnungen und Zeichnungen seiner „Traumabenteuer”. Diese frühen Aufzeichnungen sind heute zwar verloren, doch sie bildeten die Grundlage für sein Hauptwerk von 1867, in dem er seine über 20 Jahre währenden Traumstudien zusammenfasste.
Saint-Denys’ Buch „Les Rêves et les moyens de les diriger” erschien anonym, was darauf hindeutet, dass er seine kühnen Thesen zunächst vorsichtig der Öffentlichkeit präsentieren wollte. In einer Zeit, in der Träume oft entweder abgetan wurden oder in okkulten und spiritistischen Zirkeln überhöht wurden, betrat Saint-Denys wissenschaftliches Neuland: Er behandelte die Traumwelt mit der Akribie eines Forschers. 1867 – über drei Jahrzehnte vor Freuds Traumdeutung – veröffentlichte er damit eine der ersten empirischen Studien über Träume überhaupt. Darin beschrieb er nicht nur seine faszinierendsten Träume, sondern analysierte auch, wie Träume entstehen und wie man sie bis zu einem gewissen Grad lenken kann. Saint-Denys wurde noch zu Lebzeiten für seine Beiträge sowohl in der Sinologie als auch in der Oneirologie (Traumforschung) anerkannt: 1878 wurde er in die angesehene Académie des Inscriptions et Belles-Lettres berufen. Er verstarb am 2. November 1892 in Paris. Sein Nachruhm beruht jedoch vor allem auf dem Gebiet der Träume – hier hat er Pionierarbeit geleistet, die bis heute nachwirkt.
Träume als Forschungsobjekt
Saint-Denys betrachtete Träume nicht als bloße Schäume oder mystische Botschaften, sondern als Phänomene, die man beobachten, untersuchen und sogar beeinflussen kann. Damit schlug er einen neuartigen Weg ein: Träume wurden für ihn zum Forschungsobjekt. In einer Epoche, in der viele Gelehrte Träumen wenig wissenschaftlichen Wert beimaßen, behandelte er den Traum wie ein Laboratorium des Geistes. Er schrieb jede Nacht seine Träume auf und analysierte sie beim Wachwerden mit scharfem Verstand. So konnte er Hypothesen darüber aufstellen, wie Träume konstruiert sind und welche Gesetzmäßigkeiten ihnen zugrunde liegen. Anders als die damals vorherrschende materialistische Sicht, die Träume nur als zufällige Erregungen des Nervensystems ansah, war Saint-Denys überzeugt, dass hinter den Traumbildern ein geordneter, sinnhaft ablaufender mentaler Prozess steht. Er erkannte, dass Träume nicht völlig fremdartig sind, sondern vielmehr eine Fortsetzung unseres Denkens mit anderen Mitteln – quasi „Wachen im Schlaf”. Dieses Verständnis, dass Träume im Grunde unsere eigenen geistigen Schöpfungen sind und logischen Gedankenprozessen folgen, war zu seiner Zeit revolutionär und nimmt moderne Traumtheorien vorweg.
Dabei scheute Saint-Denys auch nicht vor Selbstexperimenten zurück. Er nutzte seine Klarträume bewusst als experimentelles Werkzeug, um Theorien zu prüfen: Er beobachtete, wie sich Traumfiguren verhielten, wie stabil die Traumumgebung war und wie weit sein Willenseinfluss im Traum reichte. Zum Beispiel stellte er fest, dass man im luziden Zustand durch konzentrierte Vorstellung Traumobjekte verändern kann. In einem berühmten Erfahrungsbericht beschreibt er, wie er in einem Klartraum eine Porzellanvase in einen Quellbrunnen aus Kristall verwandelte, aus dem sogleich frisches Wasser floss. Ebenso ließ er durch seinen Willen einen lange verlorenen Ring wieder an seinem Finger erscheinen – allein, indem er im Traum fest daran dachte und einen beliebigen Gegenstand fixierte. Solche Berichte zeigen, wie plastisch und formbar Saint-Denys die Traumwelt erlebte, sobald er erkannte, dass er träumte. Allerdings merkte er auch, dass die Faszination der Traumbilder ihn leicht wieder vergessen ließ, dass er eigentlich der „Regisseur” des Geschehens war. Diese Balance zwischen Kontrolle und Hingabe an den Traum machte für ihn den besonderen Reiz der Klarträume aus.
Saint-Denys’ rationaler, aber zugleich staunender Blick auf die Träume wirkte wegweisend. Er zeigte, dass man Träume systematisch erforschen kann, ohne ihnen den Zauber zu nehmen. Im Gegenteil, seine Schilderungen machen deutlich, dass er die Schönheit und Tiefe mancher Träume sehr wohl zu schätzen wusste. Einige seiner Traumerlebnisse waren geradezu visionär oder „archaisch” anmutend und beeindruckten ihn tief. So schildert er etwa einen Traum von einer gewaltigen, dunklen Tempelhalle, in der er eine überwältigende Ehrfurcht und Vorahnung verspürte, „etwas Unerhörtem beizuwohnen”. Obwohl er solche Träume mit poetischer Sprache festhielt, suchte er doch stets nach einer verständlichen Erklärung für deren Zustandekommen. Gerade diese Verbindung von Sachlichkeit und Sensibilität machte ihn zu einem einzigartigen Traumforscher.
Methoden der Traumbeeinflussung
Ein zentrales Anliegen Saint-Denys’ war es, Methoden zu entwickeln, um Träume gezielt beeinflussen oder hervorrufen zu können. Er war überzeugt, dass beinahe jeder Mensch das bewusste Träumen erlernen kann, wenn er seinen Geist entsprechend schult. Eine der ersten Empfehlungen, die Saint-Denys aussprach, war das Führen eines detaillierten Traumtagebuchs. Jeden Morgen sollten die Träume notiert werden – diese Gewohnheit prägt den Geist so sehr, dass sie selbst zum Traummaterial wird. Tatsächlich berichtete Saint-Denys, dass er irgendwann sogar davon träumte, wie er gerade einen Traum notiert. In diesem Moment erkannte er im Traum plötzlich, dass er träumen müsse – denn er führte ja gerade ein Traumtagebuch im Schlaf. Auf diese Weise „schmuggelte” er sich gewissermaßen selbst ins eigene Traumgeschehen und erlangte Luzidität. Diese simple, aber effektive Technik – das konsequente Beschäftigen mit den eigenen Träumen – gilt bis heute als wichtiger Schritt, um Klarträume herbeizuführen.
Neben solchen geistigen Übungen experimentierte Saint-Denys auch mit äußeren Reizen, um Träume zu steuern. Berühmt ist sein „Parfum-Experiment”: Er wollte prüfen, ob Gerüche gezielt Erinnerungen im Traum wachrufen können. Dazu legte er sich für jede größere Reise ein besonderes Parfüm zu. Während der Reise durchzog er täglich ein Taschentuch mit diesem Duft und roch bewusst daran, um den Geruch mit den Eindrücken des Ortes zu verknüpfen. Wieder zurück daheim, wartete er einige Zeit und ließ dann – ohne selbst zu wissen, welcher Duft es war – von seinem Diener ein paar Tropfen eben dieses Parfüms auf sein Kopfkissen geben. Das Ergebnis: In der Nacht träumte Saint-Denys lebhaft von dem Ort, den er mit dem Duft verbunden hatte. Er wiederholte das Experiment mit verschiedenen Reisen und Düften und konnte so tatsächlich gezielt bestimmte Szenerien im Traum „heraufbeschwören”. In einem Fall mischte er sogar zwei Düfte – und prompt kombinierte sein Traum Elemente beider Reisen zu einer neuen Traumlandschaft.
Diese Versuche zeigten ihm, dass das Gehirn im Schlaf auf sinnliche Reize reagieren und daraus passende Traumbilder erzeugen kann. Saint-Denys sprach davon, man könne durch derartige Techniken seine Träume „konstruieren” oder zumindest in gewünschte Bahnen lenken. Die Düfte, so seine Schlussfolgerung, hatten sich assoziativ so stark mit konkreten Erinnerungen verknüpft, dass das erneute Riechen im Schlaf diese Erinnerungen als Traumszenen reaktivierte. Damit bewies er, dass äußere Sinnesreize – seien es Gerüche, Geräusche oder Berührungen – einen Einfluss auf den Trauminhalt ausüben können, sofern der Träumer entsprechende Verknüpfungen hergestellt hat.
Auch weitere Methoden zur Trauminspiration erwähnte Saint-Denys in seinem Werk. Er empfahl zum Beispiel, sich vor dem Einschlafen intensiv bestimmte Bilder oder Gedanken vorzustellen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass diese sich im Traum manifestieren. Ebenso experimentierte er mit der Schlafposition und der bewussten Unterbrechung des Schlafs, um in einen Zustand zu gelangen, in dem Luzidität leichter auftritt. All diese Ansätze zielten darauf ab, den Übergang vom Wachen ins Träumen aufmerksam zu verfolgen und dem Bewusstsein einen Anker zu geben, damit es im Traum nicht völlig abdriftet. Dabei war Saint-Denys klar, dass Träume nie vollständig berechenbar sind – doch er konnte zeigen, dass der Träumer nicht nur passives Opfer seiner Träume sein muss, sondern gewisse Steuerungsmöglichkeiten besitzt.
Saint-Denys’ Traumtheorie und Deutung der Träume
Wie deutete Saint-Denys nun die Natur der Träume? Seine zentrale These lautete, dass Traumbilder nichts anderes sind als die visualisierten Gedanken des Schlafenden. In seinem Buch legt er dar, dass im Traum jede aufkommende Idee sofort in ein passendes Bild umgesetzt wird. Das Bewusstsein im Schlaf erzeugt demnach eine Art „Panorama” der inneren Gedanken: Während unsere Gedanken wandern, erscheinen synchron die entsprechenden Sinnbilder im Traum. Was wir im Traum sehen, ist für Saint-Denys daher nicht willkürlich oder von fremder Hand eingegeben, sondern spiegelt unsere eigenen Assoziationen wider. Diese Sichtweise – dass der Gedanke die Ursache ist und das Traumbild die Wirkung wie bei einer beleuchteten Laterna magica – war ihrer Zeit voraus und ähnelt modernen kognitiven Traumtheorien. Bizarre oder unlogische Traumszenen erklärte Saint-Denys damit, dass im Schlaf die Gedanken freier und unkontrollierter fließen als im Wachzustand. Die gewöhnliche Zensur und zielgerichtete Konzentration des Wachbewusstseins sind reduziert, sodass assoziative „Seitenpfade” beschritten werden, die im Alltag meist unterdrückt würden. Das Ergebnis sind Träume, die auf den ersten Blick absurd wirken, die aber – so Saint-Denys – bei genauer Analyse häufig zwei oder mehr Gedankenstränge gleichzeitig visualisieren oder rasch aneinandermontieren. Was dem Träumer als Sprunghaftigkeit oder Willkür erscheint, ist in Wahrheit die chaotisch-kreative Verknüpfung seiner eigenen Ideen im Schlaf.
Saint-Denys untermauerte seine Theorie mit zahlreichen Beispielen aus seinen Träumen, in denen er die Herkunft der Symbole aufklärte. Ein berühmter Fall ist sein Traum von einer ihm unbekannten Straße mit bunten Ladenbannern, den er zunächst für eine Art Vision hielt. Er träumte, er wandere durch eine Stadt (er meinte, es sei Brüssel) und sah dort detailliert ein bestimmtes Geschäft mit einem auffälligen Schild und einer Hausnummer. Die Szenerie war ihm im Wachleben scheinbar nie begegnet. Er notierte sich im Traum die Details und skizzierte sie nach dem Erwachen sorgfältig. Einige Zeit später reiste er nach Brüssel, suchte jedoch vergeblich nach dieser Straße – kein reales Vorbild schien zu existieren. Erst Jahre danach, bei einem Spaziergang in Frankfurt am Main, überkam ihn plötzlich ein Déjà-vu: Er erkannte in einer Gasse genau die Szene aus seinem Traum – das Geschäft, das Schild, die Hausnummer entsprachen seiner damaligen Skizze. Wie sich herausstellte, war Saint-Denys als Kind tatsächlich schon einmal in Frankfurt gewesen und hatte unbewusst diese Straße gesehen. Die Erinnerung daran war ihm im Alltag nicht präsent, hatte sich aber unbemerkt ins Unterbewusstsein eingeprägt. Im Traum war diese versteckte Erinnerung wieder aufgetaucht, allerdings vermischt mit dem Bild der Brüsseler Kathedrale Saint-Gudule, die er nur von einer Abbildung kannte. Saint-Denys interpretierte diesen Vorfall als Beleg dafür, dass Träume aus Speicherungen unseres Gedächtnisses schöpfen, von denen wir wach keinen bewussten Zugriff haben. Er sprach in diesem Zusammenhang von „cliché-mémoire”, also quasi „fotografischen Gedächtnisabdrücken”, die im Traum plötzlich entwickelt werden. Anstatt die fremdartige Szene mystisch zu deuten, schlussfolgerte er nüchtern, dass hier kein Hellsehen oder Außerkörperliches vorlag, sondern schlicht die präzise Reproduktion einer vergessenen realen Wahrnehmung.
Generell lehnte Saint-Denys übernatürliche Traumdeutungen ab. Träume waren für ihn weder göttliche Prophezeiungen noch simple Zufallsprodukte, sondern ein Spiegel des eigenen Innenlebens – allerdings oft in verfremdeter Gestalt. Er erkannte, dass Tagesreste (Erlebnisse und Eindrücke des vorherigen Tages) häufig in den Traum einfließen und sich mit älteren Erinnerungen mischen. Daraus ergibt sich eine teils bizarre, aber letztlich erklärbare Bildersprache. Die eigentliche Botschaft eines Traums sah er weniger in symbolischen Weissagungen, sondern in dem, was der Traum über die Gedanken und Gemütsbewegungen des Träumers verrät. So bemerkte er zum Beispiel, dass Träume oft starke Emotionen transportieren – Freude, Angst, Sehnsucht – und dass diese Gefühlszustände im Traum einen eigenen Ausdruck finden, oft in metaphorischen Szenen. Die von ihm beschriebenen „großen Träume” (rêves lucides mit archetypischen Motiven) zeugen von einer tiefen seelischen Beteiligung, die er zwar staunend festhielt, aber nicht im Sinne einer universalen Symbolsprache deutete. Vielmehr betonte Saint-Denys die Individualität der Traumzeichen: Jeder Traum müsse im Lichte der persönlichen Erfahrungen und Assoziationen seines Träumers verstanden werden. Damit nahm er eine Haltung ein, die zwischen reiner Naturwissenschaft und reiner Symboldeutung vermittelt – einerseits strikt auf psychologische Prozesse konzentriert, andererseits offen für die kreative Bedeutsamkeit, die Träume für den Einzelnen haben können.
Interessanterweise war Saint-Denys selbst trotz aller Rationalität von der Nützlichkeit der Träume für das Leben überzeugt. Er stellte fest, dass Träume besondere Fähigkeiten des Geistes zeigen: eine gesteigerte Phantasie und Kreativität, überraschende Einfälle und Zugang zu fernen Erinnerungen, die im Wachzustand kaum abrufbar sind. Diese Potenziale machten Träume für ihn wertvoll. Indem man Träume erforscht und bewusst erlebt, „lernt man sich selbst besser kennen”, so seine Überzeugung. In gewisser Weise betrieb er also nicht nur Traumkontrolle, sondern auch Traumerkenntnis: Die Erforschung der Träume diente ihm als Schlüssel zum Verständnis der eigenen Psyche. Diese Haltung spiegelt sich in seinem Werk wider, das trotz wissenschaftlichem Ton immer wieder die Staunenswürdigkeit des menschlichen Geistes betont.
Beispiele aus Saint-Denys’ Traumdeutungen
Zur Veranschaulichung seiner Denkweise lohnt ein Blick auf einige konkrete Traumberichte, die Saint-Denys analysierte. Ein Beispiel haben wir bereits gesehen: der Frankfurt-Traum, in dem ein verborgenes Erinnerungsbild Jahre später als Traumszene erschien und damit die natürlichen Mechanismen der Traumerzeugung entlarvte.
Ein weiteres Beispiel ist sein „schmerzloser Traum”: Er notierte, dass er in seinen Träumen niemals echten körperlichen Schmerz empfand – selbst wenn im Traum Verletzungen auftraten, blieb das Schmerzgefühl aus. Daraus schloss er, dass das Gehirn im Schlaf zwar Schmerz vorstellen könne, aber die tatsächliche sensorische Rückmeldung gedämpft oder ausgesperrt sei. Dieser Befund deckte sich mit seiner Annahme, dass Träume primär Gedanken sind und körperliche Empfindungen nur abgeschwächt oder symbolisch integriert werden. Er überprüfte dies, indem er sich bewusst in einem Klartraum z.B. kniff oder aus großer Höhe stürzen ließ, und bestätigte, dass der erwartete Schmerz ausblieb.
Solche Überlegungen führten ihn auch zu einigen Fehlschlüssen: Zum Beispiel war Saint-Denys der Ansicht, es sei unmöglich, den eigenen Tod im Traum zu erleben, da das Bewusstsein so etwas nicht simulieren könne. Aus heutiger Sicht wissen wir, dass Träumer sehr wohl vom eigenen Tod träumen können, doch Saint-Denys hatte persönlich keine solche Erfahrung und generalisierte das vielleicht zu stark. Gleichwohl zeigen seine Beispiele, wie gründlich er die Grenzen des Träumens auslotete. Er untersuchte, ob man im Traum lesen kann (er fand heraus, dass kurze Wörter oder bekannte Texte erkennbar blieben, längere Texte aber instabil wurden), ob man im Traum weiterdenken oder rechnen kann (was ihm in luziden Träumen teils gelang), und wie sich die Sinne im Traum darstellen.
Auch kreative Träume dokumentierte er: So träumte er gelegentlich von eigenen literarischen oder künstlerischen Werken. Einmal etwa erdachte er im Traum ein komplexes Musikstück; beim Erwachen stellte er jedoch fest, dass es ihm entglitt – es blieb nur die Erkenntnis, dass sein schlafender Geist hier offenbar neue Kombinationen schaffen konnte, die sein waches Ich nicht festhalten konnte. Solche Erfahrungen wertete Saint-Denys als Hinweis, dass Träume eine Spielwiese der Kreativität sind, die bei aller Eigenart doch dem selben Geist entspringen wie das Wachbewusstsein. Die Traumdeutung im Sinne Saint-Denys’ bedeutete daher vor allem, die Verbindungen aufzudecken: Verbindung zwischen Trauminhalt und Wachgedanken, zwischen Traumsymbol und realem Erlebnis, zwischen Traumhandlung und emotionalem Zustand des Träumers.
Wirkung und Vermächtnis
Saint-Denys’ Arbeiten gerieten lange Zeit ein wenig in Vergessenheit, zumal die Traumdeutung im 20. Jahrhundert stark von Sigmund Freud und später von der neurobiologischen Forschung geprägt wurde. Doch in der Geschichte der Traumforschung nimmt Hervey de Saint-Denys einen besonderen Platz ein: als Brückenfigur zwischen vorwissenschaftlichen Traumlehren und der modernen Erforschung des Schlafbewusstseins. Er hat gezeigt, dass ein einzelner Mensch durch Introspektion und Experimentierfreude erstaunliche Einsichten gewinnen kann, lange bevor es institutionalisierte Schlaflabore gab. Viele seiner Beobachtungen wurden später von der Wissenschaft bestätigt oder wieder aufgegriffen. So gilt er heute als „Vater des luziden Träumens”, weil er als Erster ausführlich dokumentierte, wie man im Traum bei vollem Bewusstsein handeln kann.
Der niederländische Psychiater Frederik van Eeden, der 1913 den Begriff „lucid dream” prägte, kannte Saint-Denys’ Werk und ließ sich davon inspirieren. In den späten 20. Jahrhundert entdeckten Psychologen wie Stephen LaBerge Saint-Denys’ Buch wieder und integrierten seine Methoden – etwa das Traumtagebuch – in ihre Klartraum-Trainings. Dabei staunte man, wie zeitlos gültig viele Einsichten Saint-Denys’ sind: Moderne Klarträumer bestätigten, dass Saint-Denys bereits Phänomene beschrieben hat, die auch heute noch jeder erfahrene Klarträumer kennt. Die grundlegenden psychologischen Prozesse im Traum scheinen kultur- und zeitübergreifend ähnlich zu sein, was seinem Werk eine anhaltende Relevanz verleiht.
Freud selbst stand Saint-Denys’ Ansatz ambivalent gegenüber. Einerseits zitierte er ihn – ohne Namen – als Beispiel dafür, wie der träumende Verstand aktiv an der Bilderschaffung beteiligt ist. Andererseits widersprach Saint-Denys’ Fokus auf bewusste Kontrolle und Gedächtnisprozesse der freudschen Idee, Träume seien primär Wunscherfüllungen des Unbewussten. Es ist überliefert, dass Freud Saint-Denys wohl kannte, ihn aber als „Konkurrenten” betrachtete und seine Traumkontroll-Experimente für wenig aufschlussreich hielt im Hinblick auf die Tiefen des Unterbewusstseins.
Heute erkennt man jedoch, dass beide Ansätze einander nicht ausschließen müssen: Saint-Denys beleuchtete die Oberfläche und Dynamik des Träumens (das „Wie” der Traumbilder), während Freud das Tiefenmotiv (das „Warum” der Trauminhalte) in den Vordergrund rückte. Saint-Denys’ Vermächtnis besteht insbesondere darin, dass er die Selbstwirksamkeit des Träumers betonte – die Fähigkeit, im Traum wach zu werden und das eigene Erleben zu formen. Damit hat er Generationen von Traumforschern und interessierten Laien inspiriert, Träume nicht nur hinzunehmen, sondern aktiv zu erforschen.
Fazit
Abschließend lässt sich sagen, dass Hervey de Saint-Denys eine ungewöhnliche Synthese von Wissenschaft und Träume verkörperte. Mit analytischer Strenge, aber auch poetischem Feingefühl hat er eine Traumwelt erkundet, die uns alle jede Nacht aufs Neue empfängt. Seine Sicht auf die Träume – als Spiegel unserer selbst, den wir bewusst polieren können – bleibt auch im 21. Jahrhundert aktuell und regt dazu an, die eigenen Nächte mit wachen Augen zu betrachten. Saint-Denys lädt uns ein, die Leiter der Träume emporzusteigen, wissend, dass wir dabei stets auch in unser eigenes Inneres hinabsteigen.
Literatur:
Hervey de Saint-Denys: Dreams and the Ways to Direct Them – Practical Observations*
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