Artemidor von Daldis – ein antiker Traumdeuter und seine Methoden

Artemidor von Daldis war ein bedeutender Traumdeuter und Wahrsager des 2. Jahrhunderts n. Chr. Er stammte aus Ephesos in Kleinasien, nahm jedoch den Namen der kleinasiatischen Stadt Daldis an, der Heimat seiner Mutter, um sich von anderen gleichnamigen Autoren zu unterscheiden. Nach eigenen Angaben unternahm er ausgedehnte Reisen durch Griechenland, Asien und Italien, befragte dort zahlreiche Traumdeuter auf den Märkten und studierte alle verfügbaren Schriften, um seine Kunst auf eine möglichst breite Grundlage zu stellen.

Das Ergebnis dieser Bemühungen war die Oneirokritika („Traumdeutung“), das umfangreichste erhaltene Werk der Antike zur Trauminterpretation. Es umfasst fünf Bücher: Die ersten drei richtete Artemidor an ein allgemeines Publikum und widmete sie einem gewissen Cassius Maximus. Die Bücher vier und fünf schrieb er für seinen Sohn, der sich ebenfalls als Traumdeuter betätigte. Im vierten Buch verteidigt er die Traumdeutung gegen ihre Kritiker und gibt praktische Hinweise für deren Ausübung. Das fünfte enthält schließlich 95 detaillierte Beispiele realer Träume und ihre Deutungen.

Artemidors Traumverständnis: Zeichen der Zukunft

Für Artemidor waren Träume in erster Linie Omina – Vorzeichen kommender Ereignisse. Er beschreibt den Traum als eine „Bewegung und vielgestaltige Formung der Seele, die auf Gutes oder Schlechtes hinweist“. Während Tagträume für ihn bloße Einbildungen sind, gelten nächtliche Träume als Botschaften, die etwas ankündigen. Er unterscheidet dabei zwischen Traum und Vision: Ein Traum kündigt Zukünftiges an, eine Vision zeigt etwas, das in der Gegenwart geschieht.

Zugleich betont er, dass nicht jeder Traum prophetisch sei. Manche spiegeln lediglich körperliche Bedürfnisse oder seelische Zustände wider. Anschaulich erklärt er: Ein Hungriger träumt vom Essen, ein Durstiger vom Trinken, ein ängstlicher Mensch von dem, was ihm Furcht einflößt. Solche Träume sind für ihn keine Weissagung, sondern bloße Wiedergabe des Erlebten.

Der eigentliche Kern der Oneirokritika liegt in der systematischen Deutung symbolischer Elemente. Artemidor unterscheidet dabei theorematische (direkte) und allegorische (bildhafte) Träume. Ein theorematischer Traum erfüllt sich buchstäblich – so etwa, wenn ein Seefahrer von einem Schiffbruch träumt und dieser tatsächlich eintritt. Allegorische Träume dagegen vermitteln ihre Botschaft durch Symbole. In seinen Schriften bietet er zahlreiche Beispiele: Ein Schiff kann für die Lebensreise stehen, wilde Tiere für Bedrohungen oder Krankheiten, Wasser für Fülle oder Gefahr.

Für die Deutung ist nach Artemidor jedoch nicht nur das Traumbild entscheidend, sondern auch die persönliche Situation des Träumenden. Identität, Beruf, Gesundheitszustand, Alter und sozialer Stand beeinflussen die Auslegung ebenso wie kulturelle Unterschiede. Er verweist etwa auf Tätowierungen, die bei einem Volk Wohlstand bedeuten, bei einem anderen jedoch Sklaverei. Nur wenn solche Unterschiede beachtet werden, kann eine Deutung zutreffen.

Deutungskategorien und Beispiele

Neben seiner theoretischen Einordnung legt Artemidor großen Wert auf eine systematische Ordnung der Traumbilder. Er gliedert sie nach Themen wie Körperteilen, Tieren, Naturerscheinungen, Göttern oder Alltagssituationen. Seine Oneirokritika liest sich in vielen Passagen fast wie ein enzyklopädisches Handbuch. So finden sich in Buch II zahlreiche Tierdeutungen: Der Wolf symbolisiert stets einen gewalttätigen Feind, der Fuchs dagegen einen listigen, heimtückischen Widersacher.

Auch alltägliche Handlungen haben für ihn eine symbolische Bedeutung. So heißt es etwa: „Sich [im Traum] zu kämmen bringt Mann und Frau Nutzen; denn der Kamm ist gleichbedeutend mit der Zeit, die alle Widerwärtigkeiten überwindet.“ Haareflechten oder Kämmen gelten demnach als günstige Zeichen – der Kamm steht sinnbildlich für die Zeit, die Schwierigkeiten glättet.

Besonders ausführlich widmet er sich Träumen sexueller Natur. Dabei unterscheidet er strikt nach Recht und Sitte: Wenn die eigene Ehefrau im Traum dem Begehren zustimmt, gilt dies als glückverheißend; weist sie es zurück, ist das ein schlechtes Omen. Ähnlich urteilt er bei Geliebten. Noch komplexer sind seine Auslegungen zu Inzestträumen. So kann die Mutter im Traum nicht nur die reale Person, sondern symbolisch auch das Vaterland darstellen – ein Aspekt, den Michel Foucault später in Der Gebrauch der Lüste hervorhob.

Insgesamt sind Artemidors Deutungen ausgesprochen praxisorientiert. Träume sind für ihn Wegweiser im Hinblick auf Wohlstand, Ehe, Kindersegen, Gesundheit, Reisen oder beruflichen Erfolg. Sie dienen weniger der Selbsterkenntnis als vielmehr dem Blick in die Zukunft – genau diesem Interesse seiner Zeitgenossen wollte er gerecht werden.

Methode der Traumdeutung

Artemidor verbindet akribische Sammlung mit systematischer Logik. Schon im Vorwort seiner Oneirokritika betont er, dass er kein einziges Traumdeutungsbuch ungelesen ließ und über Jahre hinweg professionelle Deuter befragte. Er sammelte unzählige Beispiele – von Begräbnissen über Hochzeiten bis hin zu Naturereignissen – und prüfte sie anhand überlieferter Fälle. Auf diese Weise wollte er das scheinbare Chaos der Traumsymbole ordnen und eine erfahrungsbasierte Technik entwickeln.

Die zentralen Schritte seiner Methode sind:

  • Unterscheidung der Traumarten: Direkte (theorematische) und symbolische (allegorische) Träume sind verschieden zu deuten – nicht jedes Bild ist wörtlich zu nehmen.
  • Analyse des persönlichen Kontextes: Alter, Beruf, Stand und Gesundheit des Träumenden bestimmen die Bedeutung. Ein und dieselbe Szene kann für einen Soldaten anderes bedeuten als für einen König.
  • Beachtung kultureller Unterschiede: Ein Traumbild kann überregionale Bedeutung haben oder an lokale Sitten gebunden sein. Ein Traum vom Meer erhält in einer Hafenstadt eine andere Auslegung als im Binnenland.
  • Prüfung durch Erfahrung: Deutungen stützen sich auf bewährte Beispiele. Artemidor ermutigt dazu, die Vorhersagen an späteren Ereignissen zu messen – stets im Geist antiker Omina.

Diese Prinzipien fasst er selbst zusammen: „Der Traumdeuter muss […] Kenntnis haben von Gestalt, Natur und Wohnort des Träumers; […] die Art des Traumes, weil schon kleinste Änderungen das Ergebnis verwandeln können.“

Artemidors nüchterner Hinweis erinnert an moderne Empfehlungen, Träume sorgfältig zu dokumentieren. Auch wenn er selbst kein Traumtagebuch im heutigen Sinne empfahl, sammelte er doch akribisch Zahlen, Daten und Umstände aller Träume, die in seine Deutungen einflossen.

Was Artemidor uns heute noch lehrt

Auch für heutige Leser bietet Artemidors Ansatz einige wertvolle Impulse:

  • Individuelle Symbolik: Schon Artemidor betonte, dass ein Symbol nur im persönlichen Kontext Sinn ergibt. Ein und dasselbe Bild kann für verschiedene Personen Verschiedenes bedeuten – ein Gedanke, der auch modernen Deutungsansätzen nahekommt.
  • Metaphorisches Denken: Seine Unterscheidung zwischen direkten und allegorischen Träumen erinnert an die heutige Einsicht, dass viele Traumbilder metaphorisch zu verstehen sind.
  • Realitätscheck: Manche Träume spiegeln lediglich momentane Bedürfnisse wider – etwa wenn ein Hungriger vom Essen träumt. Artemidor verstand dies als physiologische Reaktion, was die heutige Traumforschung bestätigt.
  • Reichhaltige Symbolbibliothek: Mit seiner Fülle an Beispielen – von Tieren über Alltagsgegenstände bis zu Körperteilen – bietet die Oneirokritika eine inspirierende Quelle. Selbst wenn man die antiken Bedeutungen nicht übernimmt, regt die Vielfalt an, die eigenen Traumbilder bewusster zu betrachten.
  • Kritische Haltung: Artemidor warnte vor unreflektierter Deuterei und spottete über frühere Autoren, die „Belangloses“ schrieben. Seine methodische Skepsis erinnert daran, Traum-Omina nicht vorschnell wörtlich zu nehmen.

Insgesamt verbindet Artemidor traditionelle Traumvorzeichen mit einer rational-empirischen Sammelmethode. Sein Werk galt in der Antike als maßgeblich und prägte auch das Mittelalter. Freud schließlich griff in seiner Traumdeutung auf ihn zurück und zitierte ihn mehrfach – wenn auch kritisch. Für uns bleibt die Oneirokritika ein faszinierendes Fenster in die Welt antiker Traumsymbolik – und ein Appell, Träume zugleich mit Fantasie und mit nüchternem Menschenverstand zu betrachten.

Weblinks:
Artemidorus : On the Interpretation of Dreams [Attalus]

Literatur:
Artemidor: Traumdeutung*

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