Träumen wir wirklich nur in der REM-Phase?

Es ist ein vertrautes Szenario: Man erwacht mitten in einem lebhaften Traum, das Herz schlägt schneller, Bilder verblassen vor dem inneren Auge, während man versucht, die letzten Fragmente einer bizarren, intensiv erlebten Geschichte festzuhalten. Jahrzehntelang glaubten Wissenschaftler, dass dieser Zustand untrennbar mit der REM-Phase verbunden ist. REM steht für „Rapid Eye Movement“ und beschreibt jene Schlafphase, in der sich die Augen unter den geschlossenen Lidern rasant bewegen. Doch ist es wirklich so einfach? Oder steckt hinter dem Phänomen des Träumens mehr?

Die Entdeckung der REM-Phase

1953 machten die Forscher Eugene Aserinsky und Nathaniel Kleitman eine bahnbrechende Entdeckung: Sie beobachteten, dass Schlaf nicht einfach ein Zustand der Ruhe ist, sondern aus verschiedenen Phasen besteht. Besonders auffällig war die REM-Phase, in der das Gehirn eine Aktivität zeigte, die fast dem Wachzustand glich. Gleichzeitig zeigte sich jedoch eine vollständige Lähmung der willkürlichen Muskulatur – mit Ausnahme der Augen- und Atembewegungen. Diese Kombination aus extremer neuronaler Aktivität und körperlicher Immobilität führte zur Annahme, dass der REM-Schlaf eine besondere Rolle für das Träumen spielt.

Diese frühen Erkenntnisse über den REM-Schlaf führten dazu, dass Wissenschaftler ihn als die Hauptphase des Träumens betrachteten. Weckversuche im Schlaflabor zeigten, dass bis zu 95 % der Versuchspersonen, die aus einer REM-Phase geweckt wurden, von Träumen berichten konnten. Im Gegensatz dazu geschah dies bei Non-REM-Weckungen nur in 5 bis 10% der Fälle. Diese Diskrepanz verstärkte die Annahme, dass Träumen und REM-Schlaf untrennbar miteinander verbunden sind und ließ den Non-REM-Schlaf lange Zeit als eine weitestgehend traumlose Phase erscheinen.

Doch die Wissenschaft entwickelte sich weiter, und Forscher stellten fest: Träume sind nicht auf die REM-Phase beschränkt. Tatsächlich träumen wir in allen Schlafphasen – aber die Art und Weise, wie wir träumen, variiert je nach Schlafstadium erheblich.

Der Schlaf ist kein monolithischer Block

Unser Schlaf ist ein zyklischer Prozess, der sich ungefähr alle 90 bis 100 Minuten wiederholt. Wir durchlaufen dabei mehrere Schlafstadien:

  1. Einschlafphase (Stadium 1): Ein Zustand zwischen Wachen und Schlafen, in dem wir oft hypnagoge Bilder erleben – flüchtige, oft surreale Visionen.
  2. Leichtschlaf (Stadium 2): Hier verlangsamen sich Gehirnaktivität und Körperfunktionen weiter.
  3. Tiefschlaf (Stadium 3 und 4): Die erholsamste Schlafphase, in der das Gehirn am wenigsten aktiv ist.
  4. REM-Schlaf (Stadium 5): Eine Phase hoher Gehirnaktivität, in der die meisten intensiven Träume auftreten.

Jede dieser Phasen beeinflusst die Art der Träume auf unterschiedliche Weise.

Einige Wissenschaftler vermuten, dass der REM-Schlaf eine besondere Rolle bei der emotionalen Verarbeitung spielt, während der Non-REM-Schlaf eher mit gedächtnisbezogenen Prozessen in Verbindung steht. Studien zeigen, dass Non-REM-Träume oft problemorientiert sind und Erfahrungen aus dem Wachleben reflektieren, während REM-Träume häufiger von emotionalen, skurrilen oder stark assoziativen Inhalten geprägt sind.

Interessanterweise verändert sich die Dauer der REM-Phasen mit dem Alter. Neugeborene verbringen bis zu 80% ihrer Schlafzeit im REM-Schlaf, wohingegen sich dieser Anteil bei Erwachsenen auf etwa 25% reduziert. Jede Nacht durchlaufen wir dabei mehrere REM-Phasen, die mit zunehmender Schlafdauer immer länger werden. Während die erste REM-Phase oft nur etwa fünf Minuten dauert, können spätere Phasen bis zu 20 Minuten anhalten.

Träume außerhalb der REM-Phase

Lange Zeit galt die Gleichung „REM-Schlaf = Träume“ als unerschütterliches Dogma. Doch Forschungen der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass dies nicht der ganzen Wahrheit entspricht. Weckt man Versuchspersonen während des Non-REM-Schlafs, erinnern sie sich tatsächlich in rund 50% der Fälle an Trauminhalte und nicht in 5 bis 10% wie zunächst beobachtet. Die einzige Voraussetzung für diese Erkenntnis war, dass die Versuchspersonen nicht gefragt wurden: „Haben Sie gerade geträumt?“, sondern stattdessen: „Was ging Ihnen gerade durch den Kopf?“

Diese Non-REM-Traumberichte erwiesen sich jedoch meist als weniger lebendig, emotional und zusammenhängend als jene aus der REM-Phase. Sie bestehen häufig aus fragmentierten Gedanken, sind weniger surreal und ähneln mehr dem strukturierten Denken im Wachszustand. Erst gegen Morgen, wenn der Schlaf generell leichter wird, werden auch Non-REM-Träume komplexer und erreichen eine Qualität, die der des REM-Schlafs ähnelt. Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass auch in Non-REM-Phasen in etwa 10% der Fälle von Träumen berichtet wird, die sich nicht von denen der REM-Phase unterscheiden.

Es scheint, als müssten wir aber auch diese Vorstellung noch einmal gründlich überdenken. 2012 stellte ein Forscherteam um Isabelle Arnulf an der Pariser Université Pierre et Marie Curie diese weit verbreitete Annahme infrage, das Träume in der REM-Phase ein emotionaleres und lebendigeres Traumerleben ermöglichen als Non-REM-Träume. Die Wissenschaftler brachten ihre Probanden ins Schlaflabor und teilten sie in zwei Gruppen auf. Die eine erhielt Clomipramin, ein Antidepressivum, das den REM-Schlaf unterdrückt. Die andere bekam ein Placebo. Während der Nacht wurden alle Teilnehmer stündlich geweckt und nach ihren Träumen befragt. Das Ergebnis? Überraschend. Selbst jene, denen der REM-Schlaf fehlte, berichteten von ebenso lebhaften, skurrilen und detailreichen Träumen wie ihre Mitstreiter mit unbeeinträchtigtem Schlafzyklus. Mit anderen Worten: Unser Gehirn träumt auch dann, wenn es nach konventioneller Lehrmeinung eigentlich nicht, oder nur eingeschränkt, träumen dürfte.

Ein weiterer Aspekt ist die sogenannte „Einschlafhalluzination“ – ein Zustand, den viele Menschen kennen: Man ist noch wach, doch das Gehirn beginnt bereits, Traumsequenzen zu produzieren. Diese Art des Träumens findet am Übergang vom Wachen zum Schlafen statt und ist ein weiterer Beweis dafür, dass Träume nicht auf die REM-Phase beschränkt sind. Weckungen während der initialen Schlafphase, also in den ersten Minuten nach dem Einschlafen und bevor überhaupt die erste REM-Phase erreicht wurde, führen sogar in 50 bis 70% der Fälle zu Traumberichten.

Warum glauben viele, dass Träume nur in der REM-Phase entstehen?

Der Mythos, dass Träume nur im REM-Schlaf auftreten, hat vermutlich auch viel mit der Traumerinnerung zu tun. Wenn wir aus einer REM-Phase erwachen, erinnern wir uns mit hoher Wahrscheinlichkeit an unsere Träume. Das liegt möglicherweise daran, dass das Gehirn in dieser Phase besonders aktiv ist und die Trauminhalte leichter ins Bewusstsein gelangen. Werden wir hingegen aus dem Tiefschlaf geweckt, erinnern wir uns oft an nichts – was lange zu der Annahme führte, dass in diesen Phasen schlichtweg nicht geträumt wird.

Doch die Forschung zeigt: Das Fehlen der Erinnerung bedeutet nicht das Fehlen des Traumes. Unser Gehirn ist im Non-REM-Schlaf schlicht weniger darauf ausgerichtet, Trauminhalte abzuspeichern. Es ist ein bisschen wie beim Verschwinden eines Traums beim Aufwachen – wir wissen, dass wir geträumt haben, aber die Details entgleiten uns.

Was bedeutet das für unser Verständnis von Träumen?

Die Erkenntnis, dass wir nicht nur in der REM-Phase träumen, sondern in allen Schlafstadien, erweitert unser Verständnis von Träumen erheblich. Es legt nahe, dass Träume nicht nur mit der neuronalen Aktivität der REM-Phase zusammenhängen, sondern mit unterschiedlichen Mechanismen des Gehirns verknüpft sind.

Es bedeutet auch, dass Träume nicht einfach eine „Begleiterscheinung“ des Schlafs sind, sondern einen eigenen Bewusstseinszustand darstellen. Unser Denken hört nicht auf, wenn wir einschlafen, es verändert lediglich seine Struktur. Statt auf äußere Reize zu reagieren, setzt das Gehirn auf innere Eindrücke, Emotionen und Erinnerungen. Träume sind also kein zufälliges Nebenprodukt, sondern vielmehr eine Fortsetzung unserer mentalen Aktivität – nur auf einer anderen Art.

Diese Erkenntnis könnte erklären, warum sich unser Bewusstsein im Traum so vertraut anfühlt, auch wenn es manchmal in absurde oder surreale Richtungen abdriftet. Die Art, wie wir in Träumen Situationen bewerten, Emotionen erleben oder auf Herausforderungen reagieren, spiegelt oft unsere Denkweise im Wachzustand wider. Das legt nahe, dass Träume mehr als nur flüchtige Bilder sind – sie könnten eine Art Training für unseren Geist sein, eine Möglichkeit, Erlebtes zu reflektieren und kreative Lösungsansätze für reale Probleme zu entwickeln.

Wenn wir akzeptieren, dass Träume nicht auf eine einzige Schlafphase beschränkt sind, sondern den gesamten Schlaf durchziehen, könnten wir einen völlig neuen Blick auf ihre Bedeutung werfen. Vielleicht sind sie nicht nur eine Erholungspause für das Gehirn, sondern eine essenzielle Funktion unseres Bewusstseins – eine Art unsichtbares Bindeglied zwischen unserem Wachleben und unserer inneren Welt.

Fazit: REM-Schlaf ist wichtig – aber nicht alles

Schlaf ist ohne Zweifel lebenswichtig – doch warum genau, bleibt ein Rätsel. Klar ist, dass wir im Schlaf träumen, unser Körper sich erholt und unser Gehirn Eindrücke verarbeitet. Aber wie genau die verschiedenen Schlafphasen, vom tiefen Non-REM-Schlaf bis zum lebhaften REM-Schlaf, unser Denken, unsere Gefühle und unsere Gesundheit beeinflussen, ist noch längst nicht vollständig verstanden.

Ja, die REM-Phase ist vielleicht die „Traumphasen-Primetime“ – aber sie ist nicht die einzige Zeit, in der wir träumen, vermutlich erinnern wir uns nach dem Erwachen einfach nur genauer an sie. Träume entstehen im gesamten Schlafzyklus, wenn auch möglicherweise mit unterschiedlichen Qualitäten und Funktionen. Die lange Zeit vorherrschende Vorstellung, dass nur REM-Schlaf Träume hervorbringt, war in jedem Fall eine Vereinfachung eines weitaus komplexeren Prozesses und kann aus heutiger Sicht als widerlegt betrachtet werden.

Das Verständnis von Träumen entwickelt sich weiter – so wie die Wissenschaft des Schlafes selbst. Vielleicht stehen wir erst am Anfang, wirklich zu verstehen, warum unser Gehirn in der Nacht Geschichten erzählt, warum es Erlebnisse einordnet, Emotionen verarbeitet und manchmal das Unmögliche möglich macht. Eins jedoch ist sicher: Die Erforschung des Träumens wird uns noch viele Überraschungen bescheren.

Literatur:
Christian Roesler: Traumdeutung und empirische Traumforschung*
Mark Solms: Traumdeutung und Neurowissenschaft, Essay in:
Hundert Jahre Traumdeutung von Sigmund Freud*

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