Morphische Felder und das kollektive Unbewusste: Eine Verbindung?

Gibt es eine Brücke zwischen der Theorie der morphischen Felder des Biologen Rupert Sheldrake und dem von Carl Gustav Jung entwickelten Konzept des kollektiven Unbewussten? Auf den ersten Blick scheinen beide Ideen aus verschiedenen Welten zu stammen – hier die Biologie mit einem spekulativen Ansatz, dort die Tiefenpsychologie. Und doch kreisen sie um ein ähnliches Motiv: die Vorstellung eines unsichtbaren, gemeinsamen Fundus, der individuelles Verhalten und Entwicklung prägt. Im Folgenden soll untersucht werden, wie Sheldrakes Hypothese und Jungs Modell zueinander in Beziehung gesetzt werden können – und wo die entscheidenden Unterschiede liegen.

Jungs Konzept des kollektiven Unbewussten

Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung prägte die Vorstellung eines kollektiven Unbewussten – einer tieferen Schicht der Psyche, die allen Menschen gemeinsam ist und das persönliche Unbewusste übersteigt. Dieses kollektive Unbewusste enthält Archetypen: urtümliche Symbole und Bilder, die in allen Kulturen wiederkehren. Motive wie der Held, die große Mutter oder der Schatten tauchen unabhängig voneinander in Mythen, Träumen und künstlerischen Darstellungen auf. Für Jung war dies der Hinweis auf eine universelle seelische Struktur, ein gemeinsames Erbe der Menschheit. Ausdruck findet dieses Unbewusste in Träumen, Fantasien und sogar körperlichen Symptomen.

Archetypen wie der Weise Alte, der Trickster oder das Kind wirken als strukturierende Urbilder aus dieser Schicht in die individuelle Psyche hinein. Sie prägen Denken und Fühlen, ohne dass man sich dessen bewusst ist, und erscheinen weltweit in ähnlicher Gestalt in Märchen, Religionen und Kunst.

Doch die Frage blieb offen: Wie werden diese archetypischen Inhalte weitergegeben? Jung war überzeugt, dass sie angeboren sind, sprach von einem „Erbsubstrat der Menschheit“, konnte jedoch keinen Mechanismus angeben. Spätere Deutungen reichen von metaphorischen bis hin zu synchronistischen Ansätzen. In jedem Fall blieb das kollektive Unbewusste schwer greifbar – ein Konzept von großem Einfluss in Psychologie und Geisteswissenschaften, von der Naturwissenschaft aber oft als poetische Metapher abgetan. Genau an diesem Punkt setzt Rupert Sheldrakes Theorie der morphischen Felder an und versucht, eine alternative Erklärung zu bieten.

Sheldrakes Theorie der morphischen Felder

Der britische Biologe Rupert Sheldrake stellte 1981 seine Hypothese der „morphogenetischen Felder“ vor, die er später meist schlicht „morphische Felder“ nannte. Sein Ziel war es, ein ungelöstes Rätsel der Biologie zu erklären: Wie entstehen Formen und komplexe Strukturen, die sich nicht allein aus Genen oder biochemischen Prozessen herleiten lassen? Sheldrake schlug unsichtbare, formbildende Felder vor – immaterielle Ordnungsprinzipien, die wie ein Magnetfeld wirken und Gestalt, Verhalten und sogar kristalline Strukturen organisieren.

Zentral ist dabei das Prinzip der morphischen Resonanz: Ähnliche Muster aus der Vergangenheit beeinflussen ähnliche Muster in der Gegenwart und Zukunft. Mit anderen Worten: Natur besitzt ein Gedächtnis, das durch Wiederholung gestärkt wird und an kommende Generationen weitergegeben wird.

Sheldrake vermutete, dass jede Art auf ein gemeinsames Feld zurückgreift. Wenn etwa eine Population von Tieren ein neues Verhalten erlernt, könnten andere Artgenossen – selbst an weit entfernten Orten – es leichter nachahmen, weil die Information im Feld gespeichert ist. Als Indizien führte er historische Experimente mit Ratten an, die angeblich weltweit schneller neue Tricks erlernten. Diese Befunde sind allerdings umstritten und wurden in späteren Studien nicht eindeutig bestätigt.

In Sheldrakes Modell wirken morphische Felder auf allen Ebenen: von der Formbildung eines Embryos über soziale Interaktionen bis hin zu kulturellen Mustern. Je häufiger ein bestimmtes Muster auftritt, desto stärker prägt es das Feld – und desto wahrscheinlicher wird seine Wiederholung. Naturgesetze erscheinen Sheldrake daher weniger als feste Konstanten, sondern eher als tief verwurzelte Gewohnheiten des Universums. In radikaler Konsequenz spekuliert er sogar, dass selbst die physikalischen Konstanten erst durch lange Gewöhnung ihre Stabilität gewonnen haben könnten.

Wichtig ist: Morphische Felder sind kein anerkannter Bestandteil der etablierten Physik oder Biologie. Sie stellen einen radikalen, spekulativen Vorschlag dar, der die klassischen Grenzen der Naturwissenschaft überschreitet. Sheldrake beschreibt sie nicht als Energie, sondern als unsichtbare Informations- und Organisationsfelder.

Er selbst verweist auf Ähnlichkeiten mit traditionellen Vorstellungen. Indische Gelehrte bemerkten, seine Idee erinnere an uraltes vedisches Wissen – was im Westen neu wirke, habe in östlicher Mystik längst Entsprechungen. Auch Parallelen zur sogenannten Akasha-Chronik, einem in theosophischen Lehren angenommenen Weltgedächtnis, drängen sich auf.

Sheldrakes Ansatz klingt für viele wie Science-Fiction: Jedes Lebewesen oder System greift unbewusst auf ein gemeinsames Feld zurück, in dem die Erfahrungen vergangener ähnlicher Formen gespeichert sind. Durch das Prinzip der morphischen Resonanz wird dieses „Gedächtnis der Natur“ wirksam – Muster wiederholen sich, weil sie schon einmal aufgetreten sind.

Zusammengefasst liefert Sheldrakes Theorie damit einen spekulativen Mechanismus für ein kollektives Gedächtnis der Natur. Wo Jung ein psychologisches Modell ohne physikalische Basis vorschlug, bringt Sheldrake die Hypothese ins Spiel, dass Felder diese gemeinsame Erinnerung vermitteln könnten. Damit ist die Brücke zu Jungs kollektiven Unbewussten geschlagen.

Parallelen zwischen morphischen Feldern und kollektivem Unbewussten

Die Ähnlichkeiten zwischen Jungs Konzept und Sheldrakes Hypothese sind auffällig – und Sheldrake selbst hat den Vergleich ausdrücklich hergestellt. Er erklärte, seine Theorie der morphischen Resonanz könne als „radikale Bestätigung“ von Jungs Idee des kollektiven Unbewussten verstanden werden. Beide Modelle gehen davon aus, dass Erfahrungen überindividuell gespeichert und weitergegeben werden. Jung sprach von einem archetypischen Reservoir der Menschheit; Sheldrake von kollektiven Feldern, die Erinnerungen einer Spezies – oder sogar der gesamten Natur – enthalten. In beiden Fällen wirkt Vergangenes auf Gegenwärtiges ein, ohne dass ein materieller Übertragungsweg nötig wäre.

Sheldrake betonte, dass Jungs Idee im Lichte der morphischen Resonanz „guten Sinn“ erhalte. Nach seinem Modell tragen die Erfahrungen vieler Menschen zu gemeinsamen Feldern bei, die Grundformen weiterleben lassen. Dies erinnert an Jungs Archetypen – urtümliche psychische Strukturen, die in Mythen und Träumen weltweit auftauchen. Der Unterschied liegt jedoch im Mechanismus: Während Jung Archetypen als angeborene Dispositionen verstand, beschreibt Sheldrake sie als kumulierte Muster im Feld, gebildet durch unzählige Wiederholungen im Lauf der Geschichte.

Auch andere Autoren haben auf diese Parallelen hingewiesen. In esoterischen und spirituellen Kontexten wird häufig gesagt, Jung habe im Grunde dasselbe Phänomen beschrieben – nur mit anderem Vokabular. So wird das morphische Feld bisweilen als ein allumfassendes Bewusstseinsfeld verstanden, das Informationen bereithält und als mentale Verbindungsebene zwischen Menschen dient. Damit erscheint es tatsächlich wie eine moderne Variante von Jungs „gemeinschaftlicher Psyche“.

Ein weiterer Berührungspunkt liegt in den Phänomenen von Synchronizität und kollektiven Entwicklungen. Jung prägte den Begriff Synchronizität für bedeutsame Zufälle, die sich nicht durch Kausalität, wohl aber durch ein gemeinsames Ordnungsmuster im Unbewussten erklären lassen. Sheldrake verweist auf gleichzeitige Verhaltensänderungen bei voneinander getrennten Tieren oder Menschen und sieht darin ebenfalls ein Feld als vermittelnden Hintergrund. Beide gehen also davon aus, dass wir subtil miteinander verbunden sind – sodass ähnliche Ideen, Symbole oder Erfindungen zeitgleich an verschiedenen Orten auftauchen können. Manche sprechen in Anlehnung an Einsteins berühmte Formulierung von einer „spukhaften Fernwirkung“.

Auch im therapeutischen Feld tauchen ähnliche Vorstellungen auf. Bert Hellinger sprach in seinen Familienaufstellungen vom „wissenden Feld“, das die unbewussten Verbindungen innerhalb einer Familie trägt. Manche Autoren sehen darin ein spezifisches morphisches Feld, das familiengeschichtliche Informationen enthält, oder eine Teilgestalt von Jungs kollektivem Unbewussten. In der Literatur zur Familienaufstellung finden sich daher oft Verweise auf beide Ansätze.

Vergleichbar ist schließlich die Idee der Akasha-Chronik aus theosophischen und anthroposophischen Lehren, die ein immaterielles Weltgedächtnis beschreibt. Jung selbst interessierte sich für östliche Philosophie und Mystik und war offenen Vorstellungen von kollektiven Bewusstseinssphären nicht abgeneigt. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen alter Mystik, Jungs psychologischem Modell und Sheldrakes moderner Reformulierung, das zeigt: Die Idee eines gemeinsamen Gedächtnisses begleitet die Menschheit seit langem – in immer neuen Gewändern.

Unterschiede und Kritik

Trotz aller Parallelen gibt es entscheidende Unterschiede. Jung konzentrierte sich auf den Menschen: Sein kollektives Unbewusstes bezog sich auf die Psyche der Menschheit und sollte psychologische Phänomene wie Träume, Mythen und Symbole erklären. Sheldrake hingegen weitet den Gedanken auf die gesamte Natur aus. Für ihn existieren nicht nur Felder des Menschen, sondern auch für Tiere, Pflanzen, Moleküle und Kristalle. Während Jung von einer universellen Psychostruktur sprach, postuliert Sheldrake ein umfassendes Ordnungssystem, das auf allen Ebenen wirkt.

Auch im Mechanismus unterscheiden sich beide. Jung hielt Archetypen für angeboren, ohne erklären zu können, wie sie weitergegeben werden. Er sprach vage von einer „psychischen Erbmasse“. Sheldrake hingegen schlägt ein konkretes Prinzip vor: morphische Felder, die durch Resonanz wirken. Er grenzt sich dabei sowohl von genetischen Erklärungen als auch von mechanistischen Modellen ab und wirft der Biologie vor, kollektive Gedächtnisphänomene vorschnell auszuschließen.

Gerade dieser Anspruch sorgt für Kritik. Jungs Konzept hat in der Analytischen Psychologie einen festen Platz, gilt aber in der akademischen Psychologie oft als nicht empirisch überprüfbar. Sheldrakes Hypothese hingegen wird in den Naturwissenschaften weitgehend abgelehnt. Kritiker bemängeln, die Idee der morphischen Felder sei zu unbestimmt und mache keine überprüfbaren Vorhersagen. Experimente, die Sheldrake als Belege anführt – etwa über telepathisches „Angestarrtwerden“ oder Hunde, die die Heimkehr ihrer Besitzer spüren sollen – konnten in unabhängigen Studien nicht bestätigt werden. Schon 1981 urteilte der damalige Nature-Chefredakteur John Maddox, Sheldrakes Buch sei „ein Fall für die Bücherverbrennung“ und warf ihm vor, Indizien willkürlich zusammenzutragen. Es wäre aber nicht das erste Mal in der Geschichte, dass ungewöhnliche Konzepte vorschnell dem symbolischen Scheiterhaufen überantwortet werden – oft, bevor sich überhaupt erweisen konnte, ob darin nicht doch ein Körnchen Wahrheit steckt.

In jedem Fall bleibt die Verbindung beider Ideen faszinierend. Nimmt man Sheldrakes Modell hypothetisch ernst, könnten Archetypen und kollektive Symbole mehr sein als bloße psychologische Konstrukte: Sie hätten womöglich ein objektives Feld als Grundlage. Das kollektive Unbewusste erschiene dann nicht mehr nur als poetische Metapher, sondern als Ausdruck eines natürlichen Resonanzprinzips. Solange jedoch eindeutige Beweise fehlen, gelten sowohl Jungs wie Sheldrakes Konzepte als Außenseiterpositionen – anregend, aber wissenschaftlich unbewiesen.

Fazit

Die Verbindung von Rupert Sheldrakes morphischen Feldern mit C. G. Jungs kollektivem Unbewussten eröffnet ein faszinierendes Spannungsfeld zwischen Psychologie und alternativen Naturtheorien. Beide Modelle erklären auf ihre Weise, wie Vergangenes im Gegenwärtigen fortwirkt: Jung in Form universaler Symbole und archetypischer Strukturen der Psyche, Sheldrake in Form unsichtbarer Felder, die die Natur mit einem Gedächtnis ausstatten. Man könnte sagen: Sheldrake liefert einen Mechanismus für eine Intuition, die Jung bereits formulierte.

Auch andere Denker haben auf diese Parallelen hingewiesen. Sheldrake selbst sieht seine Hypothese als Möglichkeit, Jungs kollektives Unbewusstes evolutionär und naturhaft zu fundieren. Sollte sich je zeigen, dass es tatsächlich nicht-lokale Felder gibt, die überindividuelle Informationen tragen, würde dies unser Weltbild tiefgreifend verändern. Es wäre der Hinweis, dass Bewusstsein und Natur auf fundamentaler Ebene vernetzt sind – eine Idee, die schon in alten Mystiken anklingt und auch moderne Theorien wie David Bohms implizite Ordnung oder Karl Pribrams holonomes Gehirn-Modell berührt.

Die wissenschaftliche Skepsis bleibt jedoch berechtigt. Noch fehlen belastbare Belege, und viele Fragen sind offen: Wie sollen solche Felder physisch existieren? Warum lassen sie sich nicht eindeutig messen? Vielleicht handelt es sich letztlich eher um eine Metapher als um ein physikalisches Prinzip. Doch die Faszination an der Idee bleibt. Für die Psychologie jedenfalls erinnert der Vergleich daran, dass menschliches Erleben nicht isoliert im Individuum wurzelt, sondern immer auch kollektive Dimensionen hat.

Am Ende zeigt sich: Morphisches Feld und kollektives Unbewusstes sind nicht identisch, doch sie beleuchten einander. Sheldrakes Hypothese verleiht Jungs Archetypen eine mögliche naturhafte Basis, während Jungs Bilderwelt dem abstrakten Feldkonzept menschliche Gestalt gibt. Zusammen zeichnen sie ein Bild von einem Universum, in dem Erinnerung und Bewusstsein nicht nur privat, sondern geteilt sind – ein Gedankenexperiment, das zum Weiterdenken anregt, gleich ob in wissenschaftlicher, philosophischer oder spiritueller Perspektive.

Weblinks:
Rupert Sheldrake [sheldrake.org]

Literatur:
Rupert Sheldrake: Das schöpferische Universum – Die Theorie des Morphogenetischen Feldes*
Carl Gustav Jung: Archetypen – Urbilder und Wirkkräfte des Kollektiven Unbewussten*
David Bohm: Die Implizite Ordnung – Grundlagen eines ganzheitlichen Weltbildes*
Karl Pribram: Brain and Perception – Holonomy and Structure in Figural Processing*

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