Was Träume wissen, obwohl wir es vergessen haben

Im Jahr 2000 ließen einige Wissenschaftler unter der Leitung des Schlafforschers Robert Stickgold Menschen das Videospiel Tetris spielen, bis ihnen die Augen zufielen. Was zunächst einmal wie eine fragwürdige Freizeitbeschäftigung klingt, war in Wirklichkeit ein kognitionswissenschaftliches Experiment – eines, das unsere Vorstellung davon, was Träume eigentlich sind, durchaus bereichern könnte.

Die Versuchsanordnung war simpel: Die Teilnehmer – darunter vollkommen gesunde Menschen, aber auch Patienten mit schwerer Amnesie – spielten über mehrere Tage hinweg Tetris, jenes ikonische Spiel mit den fallenden Blöcken. Dann legte man sie ins Bett, weckte sie während der ersten Minuten des Einschlafens immer wieder auf und stellte ihnen eine einfache Frage: „Was sehen Sie gerade?“

Die Antworten waren erstaunlich.

Der Tetris-Effekt im Schlaf

63 Prozent der gesunden Probanden berichteten genau das, was man vermuten würde: lebendige Bilder fallender und rotierender Tetris-Steine. In der Übergangsphase zwischen Wachen und Schlafen – in der sogenannten Hypnagogie – tauchten diese Spielbilder auf wie ein Echo des Tages, das noch einmal kurz aufleuchtet, bevor das Bewusstsein abschaltet.

Doch die eigentliche Überraschung kam von jenen Teilnehmern, die unter anterograder Amnesie litten. Diese Menschen sind nicht in der Lage, neue bewusste Erinnerungen zu speichern. Sie vergaßen das Spiel innerhalb weniger Minuten und hatten zu keinem Zeitpunkt danach eine bewusste Erinnerung daran – weder von der Versuchsanordnung noch vom Tetris selbst. Und trotzdem – auch sie träumten beim Einschlafen von fallenden Blöcken.

Wie ist das möglich? Wie kann jemand von etwas träumen, das er sich gar nicht gemerkt hat?

Das Experiment von Robert Stickgold und seinem Team deutet auf eine tiefere Wahrheit hin: Träume sind nicht einfach bloße Weiterführungen bewusster Erlebnisse. Sie entspringen einem tieferliegenden Verarbeitungssystem, das offenbar unabhängig vom bewussten Erinnern funktioniert.

Selbst wenn der deklarative Teil unseres Gedächtnisses – der, mit dem wir Fakten und Ereignisse abrufen – nicht mitspielt, scheint ein anderer Teil des Gehirns dennoch Zugriff auf diese Informationen zu haben. Ein unbewusstes Archiv vielleicht, das neue Eindrücke einsortiert, verknüpft und im Traum wieder hervorholt – ganz ohne unser bewusstes Zutun.

Ebenso faszinierend wird es, wenn man die Berichte geübter Tetris-Spieler betrachtet: Einige sahen im Traum nicht die aktuelle Spielversion, sondern alte Tetris-Varianten, die sie Jahre zuvor gespielt hatten. Das bedeutet, das Gehirn ruft im Traum nicht nur frisch Gelerntes auf, sondern vermischt es mit dem Alten. Die Bilder fügen sich zu einem Mosaik aus verschiedenen Schichten der Erinnerung.

Träume, das legt diese Studie nahe, sind keine linearen Abbilder unseres Tages. Sie sind eher wie ein Remix – ein kreatives Zusammenspiel aus frischen Eindrücken, tief verborgenen Erinnerungen und vielleicht sogar Dingen, von denen wir dachten, sie längst vergessen zu haben. Oder sogar Dingen, von denen gar nicht klar war, dass wir sie uns überhaupt gemerkt haben!

Was das für die Traumdeutung bedeutet

Wer seine Träume zu deuten versucht, steht oft vor der Frage: Was hat das alles mit meinem aktuellen Leben zu tun? Die Antwort könnte lauten: Mehr, als Sie denken – aber auch weniger, als es scheint.

Denn wenn Träume so funktionieren, wie Stickgolds Studie es andeutet, dann spiegeln sie nicht nur die letzten 24 Stunden wider. Sie greifen auf ein Archiv zu, das weit in unsere Vergangenheit reicht und das sogar Inhalte umfasst, die unserem Bewusstsein gar nicht zugänglich sind. Sie sind weniger ein Tagebuch als eine Suchmaschine, die bei jeder Eingabe unerwartete Ergebnisse ausspuckt.

Das erklärt auch, warum manche Traumsymbole sich so rätselhaft anfühlen: Sie sind nicht logisch, aber sie sind psychologisch bedeutungsvoll. Sie bringen Dinge in Beziehung, die im Wachzustand getrennt sind.

Im Wachzustand nimmt unser Gehirn unentwegt Informationen auf – auch solche, die uns gar nicht bewusst auffallen. Fragmente von Gesprächen, Gesichter in der U-Bahn, der Tonfall eines Satzes, den wir schon längst vergessen glaubten. All das wird irgendwo abgelegt, in neuronalen Schichten, auf die wir meist keinen direkten Zugriff haben.

Im Traum aber ist dieser Zugriff offenbar möglich. Die Nacht ist kein Ende des Tages, sondern seine Fortsetzung in einem anderen Bewusstseinszustand. Was uns im Wachen beschäftigt hat, wird im Schlaf weiterverarbeitet – aber nicht chronologisch oder geordnet, sondern vernetzt, verdichtet, verwandelt. Der Traum wirft einen Blick zurück auf das zuletzt Erlebte, greift dabei aber auch auf ältere und sogar tief verborgene Erinnerungen zurück, in denen er einen Zusammenhang mit dem aktuell Erlebten erkennt. Diese Verbindung muss nicht immer logisch sein, aber vermutlich ist sie trotzdem bedeutungsvoll und potentiell erhellend.

Die Bilder und Symbole, die in Träumen erscheinen, sind nicht wahllos aus dem Gedächtnis gezogen. Sie stehen zueinander in Beziehung – durch Ähnlichkeit, Bedeutung, Gefühl. Träume schaffen kreative Verbindungen, wo unser Tagesbewusstsein Grenzen zieht und ermöglichen uns so einen ungewohnten Blickwinkel, der vielleicht kreative Lösungsmöglichkeiten für unsere aktuellen Lebensfragen anstößt und neue Perspektiven ermöglicht.

Fazit

Im Licht moderner Traumforschung erscheinen Träume weniger als Botschaften einer höheren Intelligenz, sondern vielmehr als kreative Rekonstruktionen erlebter Momentaufnahmen. Wie eine innere Suchmaschine durchforsten sie ein unüberschaubares Netzwerk aus Erfahrungen, Eindrücken und Gefühlen – und erzeugen daraus Bilder, Szenen, Geschichten. Keine Wahrheit im klassischen Sinne, sondern Bedeutungsangebote.

Zwei Dinge lassen sich aus der Tetris-Studie meines Erachtens mitnehmen: Zum einen zeigen Träume auf, welche Probleme oder Themen uns im Wachzustand gerade beschäftigen – sei es bewusst oder unbewusst. Zum anderen machen sie sichtbar, welche Verknüpfungen im unermesslichen Reservoir unserer Erinnerungen mit diesen Themen bestehen. In diesem Sinne könnte man Träume als einen kreativen Prozess verstehen, der uns neue Zusammenhänge eröffnet und ungewöhnliche Denkansätze liefert.

Träume halten vielleicht nicht immer eine konkrete Botschaft für uns bereit, aber sie können uns inspirieren – indem sie etwas sichtbar machen, das eigentlich schon da war. Wir hatten es nur noch nicht gesehen.

Vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, seine Träume zu deuten: Weil sie keine fertigen Antworten liefern, sondern neue Fragen aufwerfen. Weil sie nichts erklären, sondern etwas zeigen. Und weil sie nicht an der Oberfläche bleiben – sondern tief graben.

Weblinks:
Replaying the game: hypnagogic images in normals and amnesics [PubMed]
Robert Stickgold: Finding Stuff that Dreams ar Made of [Wiley Online Library]
Can sleep make us more creative? [buzzsprout.com]

Literatur:
Pierre Maquet, Carlyle Smith, Robert Stickgold: Sleep and Brain Plasticity*
Antonio Zadra, Robert Stickgold: When Brains Dream*

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